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Silber am jüdischen Tisch — warum Becher, Teller und Leuchter so aussehen, wie sie aussehen

Wer zum ersten Mal vor einem jüdischen Ritualgegenstand steht, sieht meist zuerst das Handwerk: ein von Hand getriebener Rand, ein hoher Pokal, ein Teller mit sechs Vertiefungen und hebräischen Zeilen. Die zweite Frage kommt gleich hinterher — wozu ist das da?

Dieser Beitrag beantwortet sie. Nicht als religiöse Unterweisung, sondern als das, was er ist: eine Erklärung von Gegenständen. Fast jede Form, die auf diesem Tisch steht, hat einen praktischen Grund, und die meisten davon versteht man ohne jedes Vorwissen.

Warum überhaupt Silber?

Die Antwort beginnt mit einem Halbsatz aus dem zweiten Buch Mose. Nach dem Durchzug durchs Schilfmeer heißt es im Lied des Mose: „Dies ist mein Gott, und ich will ihn verherrlichen" (Ex 15,2). Das hebräische Wort für verherrlichenanwehu — hat die rabbinische Tradition auf eine bestimmte Weise gelesen: Man solle die Gebote nicht nur erfüllen, sondern sie schön erfüllen.

Daraus wurde der Begriff Hiddur Mitzwa, die „Verschönerung des Gebots". Der Talmud führt ihn aus: eine schöne Laubhütte, ein schöner Gebetsschal, ein schöner Schofar. Der Gedanke dahinter ist einfach und nicht auf eine Religion beschränkt — die Sorgfalt, die man auf einen Gegenstand verwendet, sagt etwas über die Bedeutung der Handlung, für die er gebraucht wird.

Deshalb gibt es Ritualsilber. Ein Becher aus Glas erfüllt denselben Zweck. Ein Becher aus getriebenem Sterlingsilber sagt zusätzlich etwas darüber, was an diesem Abend geschieht.

Und es gibt einen zweiten, ganz praktischen Grund: Silber überdauert. Ein Gegenstand, der einmal im Jahr gebraucht wird und dabei durch Generationen wandern soll, muss aus einem Material sein, das nicht ermüdet. Silber wird nicht verbraucht — es wird angenommen.

Der Tisch als Ort

Dass so viele dieser Gegenstände zum Tisch gehören und nicht zu einem Sakralraum, hat einen historischen Grund. Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 endete der Opferdienst an einem zentralen Ort. Was blieb, verteilte sich auf zwei Orte: die Synagoge — und das Haus.

Der häusliche Tisch übernahm dabei eine Rolle, die vorher der Altar hatte. In der rabbinischen Literatur findet sich dieser Vergleich ausdrücklich. Das erklärt, warum die Ausstattung eines jüdischen Haushalts an Gerät so reich ist: Becher, Teller, Platten, Leuchter, Kannen — jedes für eine bestimmte Handlung an einem bestimmten Punkt des Abends.

Die Woche: der Schabbat

Der Ruhetag beginnt am Freitag bei Sonnenuntergang, und er beginnt mit Licht.

Zwei Kerzen

Vor Eintritt des Schabbat werden Kerzen entzündet, üblicherweise zwei. Die verbreitete Deutung verbindet sie mit den beiden Fassungen des Schabbatgebots in der Tora: Sachor („gedenke") im zweiten Buch Mose, Schamor („bewahre") im fünften. Zwei Wörter, zwei Lichter.

Deshalb werden Kerzenleuchter für diesen Zweck paarweise aufgestellt. Wer ein Paar kaufen möchte, bestellt denselben Leuchter zweimal — die Manufakturen fertigen sie einzeln. In manchen Familien kommt für jedes Kind ein weiteres Licht hinzu; die Zahl ist Brauch, nicht Vorschrift, und unterscheidet sich von Haus zu Haus.

Der Becher für den Segen

Über einen Becher Wein wird der Kiddusch gesprochen, die Heiligung des Tages. Wer den Segen spricht, hält den Becher dabei in der Hand und trinkt anschließend daraus.

Aus dieser einen Tatsache folgt die ganze Form. Ein Gefäß, das gehalten wird, hat eine natürliche Obergrenze: Kiddusch-Becher messen typischerweise neun bis zehn Zentimeter. Manche stehen auf einem Fuß, der den Griff sicherer macht; manche haben einen glatten Rand für eine Gravur.

Fast alle sind innen vergoldet. Das ist kein Schmuck. Silber reagiert mit Säure, Wein ist sauer, und die Innenwand eines Bechers lässt sich kaum polieren. Gold reagiert nicht — die Vergoldung schützt genau dort, wo man nicht hinkommt.

Die Hände

Vor dem Segen über das Brot steht das rituelle Händewaschen, Netilat Jadajim. Das Gefäß dafür hat zwei Henkel, und auch das ist reine Funktion: Beim Waschen wechselt das Gefäß von einer Hand in die andere, und die bereits gewaschene Hand soll den Griff nicht erneut fassen. Zwei Henkel lösen das Problem.

Nach dem Mahl gibt es in manchen Traditionen eine zweite Handwaschung, Mayim Achronim — die „letzten Wasser". Dafür ist das Gerät anders gebaut: ein kleines Kännchen mit flacher Auffangschale, weil am gedeckten Tisch gewaschen wird und nicht über einem Becken. Wer beide Gefäße nebeneinander sieht, erkennt den Unterschied sofort an der Größe.

Zwei Brote

Auf dem Tisch liegen zwei geflochtene Brote, Challot. Die verbreitete Deutung verweist auf die doppelte Portion Manna, die dem Volk in der Wüste am Freitag zufiel, damit am Ruhetag nicht gesammelt werden musste. Bis zum Segen bleiben sie meist mit einem Tuch bedeckt.

Eine Challah-Platte ist deshalb länglich und großzügig bemessen — zwei große Laibe brauchen Platz. Viele tragen eine hebräische Zeile am Rand und eine Darstellung der beiden Brote.

Das Jahr: Pessach

Kein Abend bringt so viel Gerät auf den Tisch wie der Seder, der Auftakt des Pessachfests. Er folgt einer festen Ordnung — Seder heißt genau das: Ordnung — und diese Ordnung braucht Gegenstände.

Der Teller mit den sechs Mulden

Im Mittelpunkt steht die Ke'ara, der Sederteller. Sechs Vertiefungen nehmen die Symbolspeisen des Abends auf, und weil ihre Anordnung feststeht, sind die Mulden auf silbernen Tellern meist beschriftet — die hebräischen Namen stehen direkt im Metall.

Jede Speise steht für einen Teil der Erzählung: das Bitterkraut für die Bitterkeit der Knechtschaft, die Mischung aus Früchten und Wein für den Lehm der Ziegel, der Knochen für das Pessachopfer. Der Teller ist damit weniger Geschirr als Lehrmittel — er hält die Reihenfolge fest, an der sich der Abend entlanghangelt.

Vier Becher — und ein fünfter

Im Lauf des Abends werden vier Becher Wein getrunken. Sie stehen für vier Zusagen aus der Erzählung vom Auszug: Ich werde euch hinausführen. Ich werde euch retten. Ich werde euch erlösen. Ich werde euch zu meinem Volk nehmen.

Ein fünfter Becher wird ebenfalls gefüllt — aber niemand trinkt daraus. Er heißt Kos schel Elijahu, der Becher des Elijahu, und gehört dem Propheten, dessen Kommen die künftige Erlösung ankündigt. An einer Stelle des Abends wird die Haustür geöffnet, um ihn willkommen zu heißen. In vielen Familien geht ein Kind zur Tür.

Der fünfte Ausdruck der Erzählung — ich werde euch bringen — steht noch aus. Dafür steht dieser Becher: für etwas, das erwartet wird.

Und daraus folgt seine Form. Ein Becher, aus dem nicht getrunken wird, muss nicht in der Hand liegen. Er steht, und er soll gesehen werden. Deshalb sind Eliyahu-Becher groß — in der Linie Signature reichen sie von 23,5 bis 51 Zentimetern, während die Kiddusch-Becher bei neun bleiben.

Das ist die verlässlichste Faustregel für Laien: Wer einen silbernen Becher von dreißig Zentimetern vor sich hat, hat keinen Kiddusch-Becher vor sich.

Viele dieser Becher stehen auf einem eigenen Teller. Er fängt auf, was beim randvollen Einschenken übergeht, und hebt den Becher aus der Fläche des Gedecks heraus.

Das Jahr: Chanukka

Hier hält sich ein Irrtum hartnäckig, und er lässt sich in einem Satz auflösen: Man zählt die Arme.

Die Menora hat sieben. Sie war der Leuchter des Tempels, steht im Staatswappen Israels und ist eines der ältesten Sinnbilder des Judentums überhaupt. Seit der Zerstörung des Tempels gilt ihr Nachbau als nicht statthaft.

Die Chanukkia hat neun: acht Lichter für die acht Nächte des Festes, dazu den Schammasch — den „Diener", mit dem die anderen entzündet werden. Er zählt selbst nicht mit und sitzt deshalb abgesetzt, meist erhöht in der Mitte. Am Bild erkennt man es sofort: neun Tüllen, eine davon aus der Reihe gehoben.

Die Verwechslung ist so verbreitet, dass selbst Herstellerkataloge neunarmige Leuchter als „Menorah" führen. Wir benennen sie fachlich korrekt als Chanukkia.

Der Lebenslauf: wann solche Stücke den Besitzer wechseln

Zur Bar Mizwa und Bat Mizwa. Mit dreizehn beziehungsweise zwölf Jahren wird ein Kind religiös mündig. Das ist der Anlass, zu dem Ritualsilber am häufigsten verschenkt wird — meist ein Kiddusch-Becher, oft von den Großeltern, mit Name und Datum am Fußrand. Er wird von diesem Tag an gebraucht, ein Leben lang.

Zur Hochzeit. Ein Paar richtet zum ersten Mal selbst einen Schabbat aus und braucht die Grundausstattung: Becher, Challah-Platte, ein Paar Leuchter. Weil solche Stücke im Preis oben liegen, legen häufig mehrere Gäste zusammen.

Als Stiftung. Die großen Stücke — Becher von einem halben Meter, Platten von über fünfzig Zentimetern — stehen selten auf Esstischen. Sie gehen an Gemeinden, werden zu einem Jubiläum gestiftet, mit einer Widmung versehen und bleiben dann jahrzehntelang am selben Ort.

Und weiter in der Familie. Bei alten Bechern findet man am Fußrand oft mehrere Gravuren untereinander: ein Name, ein Jahr, darunter der nächste. Das ist kein Schaden am Stück, sondern seine Geschichte in Zeilen.

Warum eine italienische Manufaktur

Eine Frage, die sich beim Blick auf die Herkunft stellt: Warum kommt jüdisches Ritualsilber aus Padua?

Die Antwort hat mit Handwerk zu tun, nicht mit Bekenntnis. Ritualgerät wurde über Jahrhunderte dort gefertigt, wo die Silberschmiede saßen — und das waren die europäischen Zentren des Metallhandwerks: Augsburg, Nürnberg, Amsterdam, Warschau, und in Italien die Städte des Veneto. Die Werkstätten arbeiteten für alle Auftraggeber, die zu ihnen kamen. Ein Becher für den Kiddusch und ein Kelch für die Messe entstanden nicht selten in derselben Werkstatt, mit denselben Punzen und derselben Technik.

Das erklärt auch, warum die Formensprache dieser Stücke so vertraut wirkt: Akanthusblatt, Volute, Perlkante — das ist der Formenschatz der italienischen Renaissance, der seinerseits aus der Antike stammt. Was ein Gerät zum Ritualgegenstand macht, ist nicht das Ornament, sondern das Maß, die Aufteilung und gegebenenfalls die Beschriftung.

Zaramella Argenti fertigt seit 1948 bei Padua, heute in dritter Generation, und führt weltliches Tafelsilber und Ritualgerät nebeneinander im selben Katalog. Manches Stück steht buchstäblich in beiden Abteilungen: Eine quadratische Platte von 24 × 24 cm ist bei ihnen einmal Square Plate und einmal Plate for Elijah Cup — dieselbe Form, zwei Verwendungen.

Was man beim Kauf wissen sollte

Massiv oder versilbert. 925 Sterlingsilber heißt: 925 Teile Feinsilber auf 1.000, der Rest Kupfer für die Härte. Versilberte Stücke tragen nur eine Auflage, die sich mit den Jahren abträgt. Bei einem Gegenstand, der weitergegeben werden soll, ist massives Sterling die saubere Wahl. Eine Punze weist es aus.

Ziseliert oder geprägt. Ziselieren heißt, dass das Muster mit Punzen von Hand ins Blech getrieben wird, Schlag für Schlag. Eine Prägung entsteht in einem Arbeitsgang unter der Presse und fällt überall gleich aus. Ziselierte Arbeit hat echte Tiefe und wirft Schatten; kein Abschnitt wiederholt den vorigen exakt.

Einzeln oder als Garnitur. Becher und Teller werden meist beides angeboten. Der Vorzug der Garnitur liegt nicht im Preis, sondern in der gemeinsamen Fertigung — gleicher Silberton, bei vergoldeten Stücken gleicher Goldauftrag. Wer einzeln beginnt, kann später ergänzen: Die Manufakturen führen beide Teile dauerhaft unter einer Modellnummer. Für geerbte Becher ist das oft der einzige Weg, denn der zugehörige Teller ist über die Generationen meist verlorengegangen.

Anlaufen ist kein Mangel. Silber reagiert mit Schwefel aus der Luft und dunkelt nach. Ein Silbertuch stellt den Glanz wieder her — aber in den ziselierten Vertiefungen darf die dunklere Tiefe stehen bleiben. Sie ist es, die das Ornament plastisch macht. Wer ein ziseliertes Stück blank poliert, nimmt ihm seine Zeichnung.

Und was wir nicht beantworten. Ob ein bestimmtes Stück für einen bestimmten Gebrauch rituell geeignet ist, ist eine religionsgesetzliche Frage. Wir führen Silbergerät und beschreiben, wofür es gemacht ist — die Auskunft dazu erteilt die eigene Gemeinde. Diese Grenze halten wir bewusst ein.

Auch ohne Vorwissen

Ein Teil dieser Stücke wird von Menschen gekauft, die den Anlass nicht begehen — als Geschenk, für eine Sammlung, oder weil ein von Hand getriebener Silberpokal von dreiunddreißig Zentimetern schlicht ein schönes Objekt ist. Das ist kein Missverständnis.

Die Formen dieser Gegenstände sind über Jahrhunderte auf ihre Aufgabe hin entwickelt worden, und fast jede Eigenheit hat einen nachvollziehbaren Grund — die Größe des Bechers, die zwei Henkel, die vergoldete Innenseite, die beschrifteten Mulden. Wer das weiß, sieht auf dem Stück mehr als Ornament.

Man muss den Ritus nicht teilen, um das zu schätzen. Es hilft nur, ihn zu kennen.

Was in dieser Reihe noch folgt

Dieser Beitrag ist als Überblick angelegt. Zu den einzelnen Themen erscheinen eigene Texte:

  • Der Schabbattisch — Leuchter, Becher, Challah-Platte und in welcher Reihenfolge sie gebraucht werden
  • Der Sederteller — die sechs Symbolspeisen und warum ihre Anordnung feststeht
  • Der Becher des Elijahu — Herkunft des fünften Bechers und die Frage nach dem fünften Ausdruck
  • Kiddusch-Becher auswählen — Größe, Fuß, Innenvergoldung, Gravurfläche
  • Netilat und Mayim Achronim — zwei Gefäße, die ständig verwechselt werden
  • Menora und Chanukkia — sieben oder neun, und warum das kein Detail ist
  • Ritualsilber als Geschenk — zur Bar Mizwa, zur Hochzeit, als Stiftung

Die Stücke dazu

Das Ritualsilber, von dem hier die Rede ist, steht in der Kategorie Judaica aus 925 Silber — Becher, Teller, Garnituren, Handwaschgefäße und Platten aus der Manufaktur Zaramella Argenti in Padua.

Dieselbe Handschrift trägt auch das weltliche Tafelsilber der Linie: Tabletts, Platten und Vasen. Die vollständige Übersicht steht unter Signature von Zaramella.

Wie man Silber pflegt, ohne ihm die Zeichnung zu nehmen, steht ausführlich im Ratgeber zur Pflege von Silberbesteck und Silbergeschirr.