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Wie das Silber ans Porzellan kam: Geschichte einer Tischkultur

Teekanne aus weißem Porzellan, zwei Teetassen und zwei Löffel in Silberfassung auf einem gedeckten Teetisch

Eine Vase aus China wird um 1381 in Silber gefasst und ist plötzlich eine Kanne. Porzellan und Silber begegnen sich nicht am Tisch, sondern als Schatzfassung: Die Geschichte des Porzellans in Europa ist von Anfang an auch eine Geschichte des Silbers. Dieser Beitrag nimmt dich mit auf eine Zeitreise von 1300 bis heute, mit Museumsstücken, die du selbst nachschlagen kannst.

Porzellan und Silber — auf einen Blick

✦ 1300–1340: Qingbai-Vase aus Jingdezhen, später „Fonthill-Vase“
✦ 1381: Fassung aus vergoldetem Silber
✦ um 1585: Burghley-Stücke in London gefasst
✦ 1708/09: Böttger gelingt in Dresden weißes Porzellan
✦ ab 1710: Produktion in Meißen
✦ 1718: Manufaktur in Wien
✦ 1723–26: Meißner Kaffeekanne, Fassung von Elias Adam
✦ 1740: Vincennes (ab 1756 Sèvres), Pariser Ormolu
✦ 1744: Manufaktur in St. Petersburg
✦ gängige Datierung spätes 18. Jahrhundert: Teeglashalter in Russland
✦ um 1800: Bone China von Spode
✦ ab 1879: Silberauflage
✦ heute: Knochenporzellan in Silberfassung

Porzellan und Silber: Wie eine Vase um 1381 zur Kanne wurde

Die Fonthill-Vase entsteht zwischen 1300 und 1340 in Jingdezhen, einem Zentrum der chinesischen Porzellanherstellung. Das National Museum of Ireland in Dublin führt sie als das früheste dokumentierte chinesische Porzellanstück in Europa. Wie sie nach Europa kam, ist nicht sicher. Das Museum nennt den Franziskanermönch Giovanni di Marignolli als vermuteten Überbringer; in einer anderen Überlieferung ist sie ein Geschenk an den ungarischen Hof. Belegt ist, dass sie später im Besitz des ungarischen Hauses Anjou war.

Im Mittelalter war Porzellan hier so selten, dass man es wie einen Halbedelstein behandelte. Das schreibt das Museum selbst. Darum bekam die Vase eine Montierung, also Metallteile, die das Porzellan umfassen. 1381 fertigten Goldschmiede Fassungen aus Vermeil, wie man vergoldetes Silber nennt, mit Filigran und Email. Aus der Vase wurde eine Kanne im gotischen Stil, mit Henkel, Fuß und Ausguss.

Die Fassung hatte damit zwei Aufgaben. Sie machte das Stück brauchbar, und sie zeigte, was es wert war. Ähnlich ging es einer Seladonschale, die Graf Philipp von Katzenelnbogen spätestens 1453 mitbrachte: Sie wurde zum Deckelpokal in vergoldetem Silber und steht heute in Kassel. Oft heißt es, die Fassung habe das Porzellan vor Bruch geschützt. Für das Mittelalter ist das in den Quellen nicht ausdrücklich belegt.

Tudor-Zeit: Warum ein Schatz aus China in London Silber bekam

Auch in England gilt Chinaporzellan der Renaissance als Seltenheit. Das Metropolitan Museum in New York beschreibt, dass es im 16. Jahrhundert nur gelegentlich ins Land kam und als besonderer Schatz galt. Die besten Londoner Silberschmiede erhielten die Aufträge für die Fassungen. Solche Stücke eigneten sich laut Met als königliche Geschenke oder zur Ausstattung fürstlicher Häuser.

Ein Beispiel ist die Kanne aus Burghley House (Met 44.14.2): Wanli-Porzellan, um 1585 in London in vergoldetes Silber gefasst. Die Fassung diente der Repräsentation und machte den hohen Rang des Stücks sichtbar. Älter ist der Warham Cup, eine Schale mit Fassung von 1506 bis 1516, die Erzbischof William Warham 1530 dem New College in Oxford schenkte. Der Lennard Cup trägt ein Londoner Beschauzeichen von 1569/70, das die Fassung datiert.

Böttger, Meißen, Augsburg: Europas Porzellan bekommt Silber

Um 1708/09 gelingt Johann Friedrich Böttger in Dresden, was Europa lange vergeblich versucht hatte: weißes Hartporzellan. Die Masse besteht aus Kaolin, der weißen Porzellanerde, aus Feldspat und Quarz. Man nannte das Ergebnis „weißes Gold“. Hergestellt wird es ab 1710 in der Albrechtsburg in Meißen, in der sächsischen Hofmanufaktur unter August dem Starken.

Das Silber kommt schnell dazu. Sotheby’s reiht Porzellan für das frühe 18. Jahrhundert neben Lack, Straußeneier und Achat ein: Raritäten, die man mit Silber fasste und so zu Schatzstücken („treasury objects“) machte. Frühes Meißner Porzellan wurde oft in Augsburg vergoldet und gefasst. Die Dresdner Hofgoldschmiede waren ausgelastet, und Augsburg besaß laut Sotheby’s Können und Arbeitskräfte. Der Goldschmied Elias Adam (um 1669 bis 1745, Meister seit 1703) fasste Kaffeekannen, Zuckerdosen und Humpen. Eine seiner Kaffeekannen von 1723 bis 1726 steht heute in der Met (1974.356.424). Sie trägt die Augsburger Beschau mit dem Pinienzapfen und sein Zeichen „Ea“.

Jetzt geht es nicht mehr nur um Schätze. Im Barock sitzen die Fassungen an Kannen, Humpen und Tassen für Tee, Kaffee und Schokolade, bei Hof und an der Festtafel, also im Gebrauch am Tisch. Ein Meißner Humpen von etwa 1725 bis 1730 mit Dresdner Silberfassung (Met 54.147.81) trägt eine Hochzeitsmedaille. Ihre lateinische Inschrift lautet „QUOS DEUS CONIUNXIT, HOMO NON SEPARET“, auf Deutsch: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.“ Wie sich Porzellan und Silber heute zum 10. Hochzeitstag schenken lassen, zeigt unser Ratgeber zur Rosenhochzeit.

Paris und Wien: Wo meist vergoldete Bronze die Fassung übernimmt

Silber war nie die einzige Lösung. 1718 gründet Claudius Innocentius du Paquier in Wien die zweite Porzellanmanufaktur Europas, 1740 folgt Vincennes, das 1756 nach Sèvres zieht. Im Pariser Rokoko wird zwischen 1740 und 1760 so viel ostasiatisches Porzellan gefasst wie nie zuvor, nun meist in vergoldeter Bronze, genannt Ormolu. Ormolu ist kein Silber. Laut Getty-Katalog sollten die Fassungen die Stücke an französische Interieurs angleichen. Die Silberlinie findest du dagegen in Augsburg, in London und bald in Russland.

St. Petersburg 1744: Russlands Porzellan und der Tee

1744 lässt Zarin Elisabeth in St. Petersburg eine Porzellanmanufaktur gründen. Der Vertragspartner Christoph Hunger wusste nach der Chronik der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur zu wenig. Das Verfahren entwickelte der Wissenschaftler Dmitri Winogradow, nach Sotheby’s ein in Freiberg ausgebildeter Bergbauingenieur, mit russischen Rohstoffen. Zuerst entstehen kleine Dinge: Tabatièren, Tee-, Kaffee- und Schokoladentassen, Löffel, Messer- und Gabelgriffe, Ostereier.

Der Tee ist in Russland älter als die Manufaktur. 1638 soll ein Gesandter ihn als Geschenk eines Mongolenherrschers an den Zarenhof gebracht haben; so wird es oft erzählt. Regelmäßig geliefert wird erst nach den Verträgen von 1689 und 1727 über Kjachta, und lange blieb Tee ein Luxus. Was daraus an Gastfreundschaft wuchs, zeigt die Geschichte des Samowars.

Teeglashalter: Warum das Glas im Silber steht

In Russland trinkt man Tee bald aus dem Glas, nicht aus der Tasse. Dafür kommt nach gängiger Datierung im späten 18. Jahrhundert der Teeglashalter auf, russisch подстаканник, Podstakannik, wörtlich „unter dem Glas“. Für die Oberschicht entstehen Halter aus Silber. Nach der Etikette, so wird erzählt, tranken Damen aus Porzellantassen und Herren aus dem Glas im Halter.

Seine Aufgabe ist kleiner als sein Ruf. Der Henkel hält die Hand vom heißen Glas fern, der breite Fuß gibt Stand, vor allem im fahrenden Zug. Die Einführung bei der Eisenbahn wird traditionell Sergei Witte zugeschrieben, um 1892. Silber ist dabei kein Wärmeschutz: Es leitet Wärme gut und wird selbst heiß. Wikipedia nennt Silberhalter deshalb „nicht sehr praktisch“, und genau darum zählt der Henkel. Heute gibt es Teeglashalter aus Silber mit Teeglas in vielen Formen.

Wie ein Metallrahmen zur Ikone der Teekultur wurde, erzählt ein eigener Beitrag. Und wie die schwarze Zeichnung des Niello auf russischem Silber entsteht, erklärt der Beitrag zur Niello-Verzierung.

Silberauflage um 1900: Silber wird aufgetragen statt gefasst

Ab 1879 melden Erfinder Patente für ein anderes Verfahren an: Silber auf Glas und Porzellan, aufgebracht per Galvanik. Das RISD Museum führt die Grundlage, die Galvanisierung, auf Elkington Ende der 1830er Jahre zurück. Eine silberhaltige Paste wird aufgemalt und eingebrannt, dann baut ein Silberbad die Schicht auf. Gorham überzog 1892/93 so Keramik der Töpferei Rookwood in Cincinnati. Die Hochphase liegt etwa zwischen 1890 und den 1920er Jahren, in den Jahrzehnten von Historismus und Jugendstil. Umgangssprachlich spricht man dann von versilbertem Porzellan.

Der Unterschied ist grundsätzlich. Die Auflage ist eine dünne Schicht, die auf der Oberfläche haftet. Eine Fassung ist ein eigenes Silberteil, in das das Porzellan eingesetzt wird. Das Prinzip der alten Montierungen lebt in der Fassung weiter, nicht in der Auflage.

Knochenporzellan und Bone China: Was um 1800 anders wurde

Um 1800 führt Josiah Spode II. in England das Knochenporzellan ein, englisch Bone China. Britannica nennt als Grundrezept sechs Teile Knochenasche, vier Teile China Stone, ein feldspathaltiges Gestein, und dreieinhalb Teile Porzellanerde. Schon sein Vater experimentierte wohl vor 1797 mit Knochenasche. Bone China ist damit ein weiterer Weg zum weißen Porzellan, keine bessere Version von Meißen.

Teetasse aus weißem Knochenporzellan in durchbrochener Silberfassung mit Libelle und Rankenwerk auf hellem Leinen
Libellula: Knochenporzellan in durchbrochener Fassung aus 925 Silber — zum Produkt →

Begriffe auf einen Blick

✦ Montierung (Fassung): Metallteile wie Fuß, Henkel, Deckel oder Mantel, in die oder um die ein Porzellanstück eingesetzt wird.
✦ Vermeil: vergoldetes Silber.
✦ Ormolu: vergoldete Bronze, in Paris um 1740 bis 1760 die häufigste Fassung für ostasiatisches Porzellan. Kein Silber.
✦ Silver Overlay (Silberauflage): galvanisch aufgebrachte, dünne Silberschicht auf Glas oder Porzellan. Keine Fassung.
✦ Bone China (Knochenporzellan): Porzellan mit Knochenasche in der Masse, in England um 1800 eingeführt.

Heute: Knochenporzellan in gegossener Silberfassung

Das Prinzip „Porzellan wird eingefasst“ lebt weiter. Die Stücke von ArgentA aus den Linien Symphonie, Rosalia, Rose, Libellula und Königliche Jagd sind Knochenporzellan, entstanden gemeinsam mit der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur St. Petersburg. Die durchbrochene Fassung entsteht im Kunstguss aus 925er Sterlingsilber; die Oberfläche bringt man zuletzt von Hand auf Glanz. Die Verzierung darin ist eine Schwärzung des Silbers.

Kaffeekanne aus weißem Porzellan mit Silberfassung aus Rosenranken und Fußband auf einem polierten Holztisch
Kaffeekanne Rose: Silberfassung im Kunstguss, Knochenporzellan — zum Produkt →

Wenn du Kanne und Tassen als Set suchst, findest du die Fassung in einer Linie abgestimmt, zum Beispiel bei den Teeservices mit Silberfassung. Verschenkst du eine einzelne Teetasse, wählst du eher nach Motiv: Libelle, Blüten oder Rosen als sichtbarer Schmuck. Bei einem Stück, das du täglich nutzt oder in der Vitrine zeigst, steht auch der Gedanke dahinter, es später weiterzugeben. Ob du sammelst oder im Gebrauch am Tisch Freude suchst, entscheidest du. Für die Pflege empfehlen wir, das Stück lauwarm von Hand zu waschen und weich abzutrocknen; ein Silberpflegetuch holt den Glanz der Fassung zurück.

Teeset Symphonie: gerippte Porzellankanne, zwei Tassen und zwei Löffel in durchbrochener Silberfassung
Teeset Symphonie für zwei — zum Produkt →

Die andere Hälfte der Tischkultur ist das Besteck. Seine Wege kannst du in der Geschichte des Silberbestecks nachlesen.

Porzellan in Silberfassung

Wenn du das Prinzip in der Hand halten willst

Kannen, Tassen und Sets, in denen Porzellan und Silber so zusammenfinden wie vor Jahrhunderten.

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Porzellan in Silberfassung: kurz beantwortet

Was ist der Unterschied zwischen Keramik und Porzellan?
Keramik ist der Oberbegriff für gebrannte Tonwaren, auch Steinzeug gehört dazu. Porzellan ist eine Sonderform aus Kaolin, Feldspat und Quarz und gilt als weiß und durchscheinend.

Wer hat das europäische Porzellan erfunden?
Johann Friedrich Böttger, um 1708/09 in Dresden. Meißen produziert ab 1710, Wien folgt 1718 als zweite Manufaktur Europas.

Warum wird Porzellan mit Silber gefasst?
Die Quellen nennen Seltenheit und Rang, dazu die Funktion: Henkel, Fuß und Deckel machen aus einem Stück ein Gefäß. Im 18. Jahrhundert sollten Fassungen Stücke dem Raum angleichen. Porzellan in Silberfassung führt diese Linie bis heute fort.

Was ist Knochenporzellan (Bone China)?
Die Masse enthält Knochenasche; Josiah Spode II. brachte es nach England. Daraus bestehen die Linien Königliche Jagd, Libellula, Rose, Rosalia und Symphonie. Du findest sie unter den Tassen in Silberfassung.

Was ist der Unterschied zwischen Silberfassung und Silberauflage?
Eine Fassung trägt das Porzellan, eine Auflage überzieht es nur.

Wozu dient ein Teeglashalter, und wird das Silber nicht heiß?
Doch, Silber leitet Wärme gut und wird selbst warm. Deshalb zählt der Henkel, nicht ein Wärmeschutz durch das Metall. Passende Stücke findest du als Teeglashalter aus Silber mit Teeglas.

Quellen und Museumsobjekte

Diese Stücke und Texte kannst du nachschlagen (Abruf 07.11.2026):

  • National Museum of Ireland, „The Fonthill Vase“ — museum.ie
  • Gillian Wilson / Sir Francis Watson, Mounted Oriental Porcelain in the J. Paul Getty Museum, Los Angeles 1999 (PDF) — Getty Publications
  • The Met, Ewer aus Burghley House, Inv.-Nr. 44.14.2 — metmuseum.org
  • The Met, Meißner Kaffeekanne mit Fassung von Elias Adam, Inv.-Nr. 1974.356.424 — metmuseum.org
  • The Met, Meißner Humpen mit Silberfassung, Inv.-Nr. 54.147.81 — metmuseum.org
  • Sotheby’s, John D. Ward, „Mounting and Meissen — Elias Adam: Enhancing the Precious“, 31.08.2021 — sothebys.com
  • Harvard Art Museums, Meissen/Böttger-Steinzeug — harvardartmuseums.org
  • Kaiserliche Porzellanmanufaktur, „Foundation of Manufactory under Empress Elizabeth“ — ipm-jsc.com
  • Britannica, „Josiah Spode, the Second“ — britannica.com
  • RISD Museum, „Sumptuous Surrounds“ (Silberauflage) — risdmuseum.org
  • Sotheby’s, „The Imperial Porcelain Factory“ — sothebys.com
  • Copernico, „From Luxury Commodity to National Drink“ (Tee in Russland) — copernico.eu
  • Frick Collection, „Du Paquier — Introduction“ — frick.org
  • Wikipedia, „Meissen porcelain“ — wikipedia.org; „Manufacture nationale de Sèvres“ — wikipedia.org; „Silver overlay“ — wikipedia.org
  • Cincinnati Art Museum, „Extra Brilliant: Gorham Silver Deposit on Rookwood Pottery“ — cincinnatiartmuseum.org
  • Carder Steuben Glass Association, Silver overlay (PDF) — steubenglass.org
  • Wikipedia, „Podstakannik“ — wikipedia.org (Teeglashalter-Aussagen stützen sich auf diese und eine populäre Quelle und sind deshalb vorsichtig formuliert)